Florian Lipowitz, der Tour-Held „Für mich macht keiner extra Platz“
Florian Lipowitz wurde nach seinem dritten Platz
bei der Tour de France in Deutschland gefeiert.
28 Oct 2025 - Der Tagesspiegel
Von Jörg Leopold
- Florian Lipowitz, in einem Monat beginnt die neue Biathlon-Saison. Verfolgen Sie Ihren einstigen Sport eigentlich noch?
In mir schlägt natürlich noch ein bisschen das Biathlon-Herz. Deswegen werde ich auf jeden Fall weiterhin die Rennen verfolgen, auch wenn wir im Winter viel im Süden sind und das nicht immer klappt.
- Würden Sie sagen, Sie haben sich als Radprofi klimatisch verbessert?
Ich halte mich schon lieber da auf, wo es warm ist. Der Radsport ist zwar eher ein Sommersport, aber die Rennen im Frühjahr sind schon eine Herausforderung. Jeder, der mal bei drei, vier Grad auf dem Rad saß, weiß, dass es nicht viel gibt, was noch ungemütlicher sein kann.
- Sie haben vor Wochen Ihr Saisonende verkündet. Sie wollten Dinge erledigen, für die zuvor keine Zeit geblieben war. Welche Dinge?
Ich bin jetzt fast sechs Wochen nicht wirklich Rad gefahren. Aber davon waren zwei, drei Wochen relativ schnell weg, weil ich eine Operation an der Nasenscheidewand hatte. So viel Zeit, um Dinge zu erledigen, bleibt dann gar nicht mehr. Immerhin habe ich meine Steuererklärung eingereicht (lacht). Oder habe mal aufgeräumt. Wenn man das ganze Jahr unterwegs und zwischendurch nur zwei, drei Tage zu Hause ist, dann hat man da oft keine Lust drauf.
- Aber es blieb schon auch noch Zeit für ein bisschen Muße?
Ja, ich war mit meiner Freundin eine Woche im Urlaub oder man schaut, dass man abends was mit Freunden unternimmt und sich dabei keine Gedanken macht über Essen oder Training und einfach das Leben genießt. Aber fünf, sechs Wochen hören sich immer sehr lang an, die vergehen dann nur oft schneller als man denkt. Und ruckzuck ist man dann schon wieder im Training.
- Haben Sie das Wettkampfgefühl zuletzt schon wieder vermisst?
Definitiv fehlt einem dieses Gefühl, im Training was gemacht zu haben und erschöpft nach Hause zu kommen. Nach so einer Saison braucht man aber in jedem Falle so zwei bis drei Wochen, bis man erholt ist und sich wieder aufs Radfahren freut. Aber so langsam kribbelt es wieder, auch wenn es am Anfang noch nicht so viel Spaß macht, wenn man sich die Steigungen hochquält und der Puls 20 Schläge höher ist, als wenn man sich in Topform befindet.
- „Sie sind kein Ronaldo“, hat Ihr Vater mal über Sie gesagt. Gibt es Vorbilder, an denen sie sich auch vom Auftreten her orientieren?
Ich bin einfach der Florian aus Laichingen. Ich will so auftreten, wie ich bin.
- Bei der Tour de France ist Ihnen das eindrucksvoll gelungen. Haben Sie Ihren dritten Platz inzwischen realisiert?
Ja, doch. Die Tage nach der Tour war das noch nicht der Fall, aber in den letzten Wochen hat man schon realisiert, was man da geleistet hat. Wenn man dann beim Aufräumen zu Hause die Trikots von der Tour noch mal in der Hand hält und so ein bisschen auch die drei Wochen Revue passieren lässt, schaut man da schon stolz und glücklich drauf.
- Wie oft denken Sie noch an die 18. Etappe zum Col de la Loze zurück, als Sie erst abgehängt waren, dann selbst attackierten und schließlich doch einbrachen? Im Ziel sagten Sie damals: „Die letzten zwei Kilometer waren die Hölle“.
Ich denke da schon noch dran, aber ich versuche dabei die letzten 15, 20 Minuten von der Etappe zu verdrängen (lacht). Das war definitiv einer der härtesten Tage auf dem Rad. Und am Ende wurde es dann ja doch ein bisschen spannender als erhofft. Wäre der Tag normal verlaufen, hätte es die nächsten etwas einfacher gemacht. Aber es bleibt definitiv in Erinnerung.
- War die Zielankunft in Paris das schönste Erlebnis bei der Tour für Sie? Immerhin war es ja auch Ihre erste Frankreich-Rundfahrt.
In jedem Fall. Ich kam in die Tour rein ohne große Erwartungen. Da genießt man die Eröffnungsfeier und die ersten Etappen. Aber wenn man dann merkt, man fährt jetzt selber auf Ergebnis und hat vielleicht die Chance aufs Podium, ist das plötzlich anders, weil man so unter Druck steht. Deswegen würde ich schon sagen, in Paris ankommen und zu wissen, dass man das erreicht hat, war schon der schönste Moment der Tour.
- Während der Deutschland-Tour sind Sie gefeiert worden von den Fans. Hat Ihnen das auch mal ein bisschen Angst gemacht?
Man freut sich natürlich, wenn man sieht, dass der Radsport in Deutschland wieder beliebter wird. Aber ich bin natürlich eher eine introvertierte Person und deswegen war das für mich schon am Limit. Damit muss man ja auch erst einmal klarkommen. Grundsätzlich freut es mich aber, wenn man etwas für den Radsport tun kann, damit der in Deutschland auch wieder ein bisschen mehr Anerkennung bekommt.
- Die Erwartungshaltung hat sich durch Ihre Erfolge geändert. Es gab sogar leises Murren, weil Sie nicht an der WM teilgenommen haben. Wie gehen Sie damit um?
Ich versuche, das so gut wie möglich beiseitezuschieben. Natürlich gibt es viele Erwartungen und vermutlich auch Druck, aber da muss ich einen gesunden Weg für mich finden. Und was die WM angeht: Da war ich gesundheitlich angeschlagen, für mich war es dann die beste Lösung nicht dahinzufahren. Man muss dann Sachen zurückstellen und auf sich schauen. Und das will ich auch im nächsten Jahr so gut wie möglich machen.
- 2025 waren Sie der Neue im Peloton. Wie ist inzwischen Ihr Standing im Feld der Profis?
Wenn man jetzt zu großen Rennen kommt, dann schauen natürlich die anderen Teams schon auf einen, weil jeder weiß, der wird vielleicht auch auf Ergebnis fahren und auf den müssen wir aufpassen. Aber so viel hat sich da für mich auch nicht geändert, da macht jetzt keiner extra Platz, noch werde ich freiwillig durchgelassen.
- Gilt das auch für den viermaligen Tour-Sieger Tadej Pogacar?
Das ist schon noch mal was anderes, weil, so ein Talent gab es schon lange nicht mehr. Der wird definitiv noch einmal mehr respektiert als die anderen Fahrer. Aber letztlich ist er genau wie wir alle da, um Rennen zu fahren.
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