Wo alles angefangen hat
FOTO: CHRISTIAN CHARISIUS/DPA28.
Spieltag der vergangenen Saison: Borussias Spieler stehen am
Millerntor vor ihren Fans auf dem Platz. Das Spiel endete 1:1.
1 Nov 2025 - Rheinische Post
VON THOMAS GRULKE
Mit einem Unentschieden auf St. Pauli begannen im April der Gladbacher Absturz und die Horrorserie von mittlerweile 15 sieglosen Bundesliga-Spielen. An gleicher Stelle will Coach Eugen Polanski die Misere nun beenden.
Viel hat ja gar nicht gefehlt, und Borussia Mönchengladbach hätte am 6. April dieses Jahres ihre Erfolgsserie fortgesetzt. Doch dann traf Oladapo Afolayan in der 85. Minute zum hochverdienten 1:1 für den FC St. Pauli – statt nach Punkten gleichzuziehen mit dem Tabellenvierten Mainz 05, fiel Gladbach durch das Unentschieden zurück auf den sechsten Platz.
Vor allem aber: Mit jenem Remis begann die Sieglos-Serie, die knapp sieben Monate später zur VereinsRekordmarke von 15 Liga-Partien ohne Dreier angewachsen ist. Jetzt reist Borussia am Samstag (15.30 Uhr, Sky) erneut ans Millerntor – und will zum einen die Serie beenden und zum anderen im besten Fall damit auch den letzten Tabellenplatz verlassen. Am 28. Spieltag der Vorsaison sprach noch nichts für einen solchen Niedergang. Trotz einiger Enttäuschungen (1:5 in Wolfsburg, Heimniederlagen gegen Augsburg und Mainz) hatte Gladbach gerade ein ziemlich stabiles zweites Saisondrittel gespielt, hatte aus 14 Spielen mit eigener Führung 13 Siege und ein Unentschieden geholt und bis dahin jede Partie gegen ein Team aus dem Tabellenkeller gewonnen. Das 1:1 beim Aufsteiger schien nur ein Ausrutscher zu sein.
„Wir müssen ruhig bleiben, dürfen uns nicht aus dem Flow bringen lassen und versuchen, den Druck etwas rauszunehmen. Wir sollten nicht den Teufel an die Wand malen, der Punkt kann am Ende viel wert sein“, sagte Mittelfeldspieler Rocco Reitz damals unmittelbar nach dem Spiel auf St. Pauli. Doch es entwickelte sich ein ganz anderer, negativer Flow, der Borussia sogar noch aus der Einstelligkeit rutschen ließ. Und manches davon deutete sich schon im ersten Spiel am Millerntor an.
In erster Linie fiel Borussias Hilflosigkeit gegen das druckvolle Spiel der Hamburger auf, vor allem Torwart-Talent Tiago Pereira Cardoso war es zu verdanken, dass es überhaupt einen Punktgewinn gab. Bei den Gladbachern machte sich ein Kräfteverschleiß bemerkbar, der sich in den Wochen danach noch steigern sollte: Manche bauten im letzten Saisonviertel merklich ab, manche kamen nach Verletzungen nicht mehr in Tritt. Zudem riss sich am Millerntor Nathan Ngoumou die Achillessehne beim Auslaufen.
Beim anschließenden 1:2 gegen Freiburg trat Borussia mit noch weniger Energie auf, beim folgenden 2:3 in Dortmund reichte zum dritten Mal in Folge eine Führung nicht zum Sieg – und spätestens mit dem 3:4 in Kiel und dem 4:4 gegen Hoffenheim war auch das Ziel unerreichbar, mal wieder weniger als 50 Gegentore in einer Saison zu kassieren. Statt unverhofft um eine Europapokal-Teilnahme spielen zu können, war das Team in sich zusammengefallen.
Nach der Saisonanalyse durfte Trainer Gerardo Seoane trotzdem weitermachen, sein Kredit war jedoch in der neuen Spielzeit bereits nach zwei schwachen Heimspielen (0:0 gegen Hamburg, 0:4 gegen Bremen) und einem völlig unnötig verlorenen Spiel in Stuttgart aufgebraucht. Der Wechsel zu Eugen Polanski hatte nicht die erhoffte schnelle Wirkung, weil sich bereits die Unsicherheit im neu zusammengestellten Team breitgemacht hatte.
Im sechsten Ligaspiel unter dem „Bis auf Weiteres“-Trainer soll es nun aber am Millerntor klappen. Ein wenig Schwung dafür hat Gladbach unter der Woche mit dem 3:1-Sieg im DFB-Pokal gegen den Karlsruher SC genommen. Doch Manager Rouven Schröder warnt: „Ein solcher Sieg gibt dir natürlich Energie, doch jeder weiß, was am Samstag kommen muss. Das Achtelfinale im Pokal ist das eine, das andere ist, dass wir in der Liga nur drei Punkte haben.“Das Team müsse die Gier entwickeln, nachzulegen und auch aus Hamburg mit einem positiven Gefühl nach Hause zu fahren, fügte Borussias neuer Sportchef hinzu. Es ist diese Gier, die im Saisonendspurt im Frühjahr fehlte und die bis jetzt andauernde Misere möglich machte.
Ob die Gladbacher Mannschaft unter Eugen Polanski nun dazugelernt hat, muss sie erst noch beweisen, vor zwei Wochen verschlief sie die Anfangsphase bei Union Berlin und verlor letztlich 1:3. Sie dürfte jedoch wissen, dass St. Pauli ein ähnlich unangenehmer Gegner sein kann wie die Köpenicker – nicht zuletzt dank der Erfahrungen aus der Vorsaison. „In Berlin haben wir einen Fehler gemacht, jetzt wollen wir über 90 Minuten unsere Leistung abrufen“, sagt Polanski. Eine Leistung, die für den Sieg und damit das Ende der Misserfolgsserie sorgen soll.
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