Auf sie mit Gebrüll – und Ball
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Szene aus dem Hinspiel: RB Leipzigs Willi Orban (vorn)
blockt Borussia Dortmunds Serhou Guirassy.
Für RB Leipzig gilt im Topspiel gegen den BVB Dortmund: Angriff ist die beste Verteidigung. Wie genau das aussehen kann, haben ausgerechnet die Sachsen selbst bereits vorgemacht.
19 Feb 2026 - Leipziger Volkszeitung
Von Guido Schäfer
Als der nicht mehr ganz so große BVB die Jugend-forscht-versuchsanordnung mit Nuri Sahin im Januar 2025 beendet, blicken die Dortmunder Fans auf einen eierabschreckenden Abstand zur Königsklasse und träumen von einem Retter aus dem obersten Fach. Weil ihr „Auf-immer-ewig-in unseren-herzen“-kloppo anderweitig beschäftigt ist, taucht der Name Ralf Rangnick am schwarz-gelben Firmament auf. Ob der Mann, bei dem in Hoffenheim und Leipzig alle Fäden zusammengelaufen sind und der mit seinen Österreichern bei der EURO in Deutschland eine Weltklassevorrunde hingelegt hat, gefragt worden ist, weiß kein Mensch.
Fakt ist, dass sich der BVB Ende Januar 2025 für einen der üblichen Verdächtigen entscheidet und Niko Kovac holt. Dem weitgereisten Neuen bläst der Wind von vorne ins Gesicht. Die Beschreibung „ehrlicher Arbeiter“gilt als Malus, weil sie am Borsigplatz auf einen Sahin-nachfolger mit gottgleicher Präsenz gehofft haben.
Nur Ältere erinnern sich an letzte Bvb-niederlage
35 Bundesligaspiele später und vorm Dortmunder Auftritt bei RB Leipzig (Sonnabend, 18.30 Uhr) dünkt es selbst den größten Kovackritikern: Dieser 54-jährige Mann ist kein Hand-aufleger, sondern ein Hand-anleger, der weiß, was Sache und der natürliche Feind von Dünndrüber-gehern ist. Der BVB spielt unter Kovacs charmant-fordernder Knute nicht immer die Sterne vom Himmel, ist aber immer intensiv und diszipliniert und fast immer erfolgreich unterwegs.
Die Zahlen sprechen Bände: Dortmund kommt in der Ära Kovac auf 76 Erstliga-punkte, das sind sensationelle 2,17 Zähler pro Partie. Seit der kroatische Berliner beim BVB ist, haben sich nur die Bayern mehr Punkte (85) einverleibt. Zum Vergleich: Leverkusen ist in der Kovactabelle Dritter (60), Stuttgart und RB folgen mit je 57 Punkten.
Erste Halbzeit aus dem März 2025 als Blaupause
Weil sich nur Ältere an die letzte Niederlage der Dortmunder erinnern können und die Männer vom Borsigplatz neuerdings Anmut und Effektivität (siehe das 4:0 gegen Mainz und das Dienstag-2:0 gegen Bergamo) miteinander verweben, stellt sich am Cottaweg die Frage: Wie kommt man diesen selbstgewissen Serientätern auf die Schliche? Welche Pfade weisen den nach dem 2:2 gegen Wolfsburg wieder Mal unter Siegzwang stehenden Roten Bullen den Weg ins Glück?
Nun, das mit 2:0 gewonnene RB
Heimspiel gegen Dortmund vom 15. März könnte zur Blaupause dafür werden, was man zu tun und unbedingt zu lassen hat. In der ersten Halbzeit kicken die Rasenballer nach dem Motto „Auf sie mit Gebrüll“. Das 2:0 zur Pause ist gegen verstörend desorientierte Gäste verdient, fußt auf Leipziger Mut und Risiko, frühem Stören, dem Nachschieben aller, einer lebensbejahenden Restverteidigung und Tempo. Mit Wiederbeginn stellen die Männer von Marco Rose ihren Arbeitstag ein, übergeben dem BVB den Ball, drücken ihrem Keeper Peter Gulacsi bis zum Schlusspfiff die Daumen. Wenn die Dortmunder Einbahnstraße des zweiten Durchgangs in einen schwarz-gelben 4:2Sieg gemündet hätte, hätte sich kein Leipziger beschweren dürfen.
Niko Kovac hat nach dem März0:2 in der Red-bull-arena die stabile Dreier- bzw. Fünfer-abwehrkette eingeführt, bis heute keine Luft mehr an sein System gelassen. Und der Mann, der als alubestollter Profi viele Meter gemacht und Rasen umgepflügt hat, erinnert die Seinen rund um die Uhr an die Wichtigkeit der Grundtugenden Disziplin, Kämpfen und Rennen. Sinnbild der
Kovacschen Verquickung von Prähistorie und Moderne: Vor jeder Übungseinheit rennen seine Stars und Sternchen 15 Minuten lang Runden. Ohne Ball. Unter den Augen des Chefs. Auf dass kein Profi auch in ertragreichen Zeiten vergessen möge, dass Qualität mit Qual zu tun hat und im Erfolgsfall die größten Fehler und der innere Schweinehund am Wegesrand lauern.
RB braucht den Ball – und Willi Orban
Und wie kommt man dieser Dortmunder Wertarbeit (51 Punkte, Platz zwei) als Rangfünfter mit 40 Punkten bei?
Man sollte dem Bvb-abwehrchef Waldemar Anton und seinem Adlatus Ramy Bensebaini nicht die Zeit geben, zielgenau ins tiefe Mittelfeld auf Felix Nmecha oder Julian Brandt zu passen.
Man sollte Flankengott Julian Ryerson nicht auf Serhou Guissary flanken lassen. Die beiden harmonieren wie einst Jürgen Klopp und Aki Watzke. Und wenn dann doch eine Flanke anrauscht, sollte sich tunlichst Rb-maschine Willi Orban um die Bvb-maschine Guirassy kümmern. Orban hat die Kraft und die Einstellung, um den unangenehmsten Box-spieler der Liga zu beherrschen.
Aber klar ist auch, dass man das Bvb-feuer nicht aus sicherer Entfernung mit einem Feuerwehrschlauch löschen kann, sondern es mit eigenem Feuer bekämpfen muss. Anders ausgedrückt: Angriff ist – wie am 15. März 2025 im ersten Durchgang – gegen diesen BVB die beste Verteidigung!
RB braucht im Sonnabend-hit, zu dem Sky das große Besteck auspackt (Wolff Fuss, Lothar Matthäus), vor allem eines: den Ball. Und der kommt nicht auf dem Serviertablett, sondern nur dann, wenn man sich um ihn mit harter und mutiger Arbeit bemüht, dem Gegner Raum und Zeit nimmt, ihn zu unkontrollierten Abspielen zwingt. Und wenn Christoph Baumgartner, Yan Diomande, Brajan Gruda oder auch Antonio Nusa etwas können, dann ist es mit dem Ball umgehen. Und der Fantasie der Leipziger Instinktfußballer ist keine Grenze gesetzt, wenn sie nach schnellen Balleroberungen ab und an auf unsortierte Abwehrreihen treffen. Klingt einfach, ist unendlich schwer.
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