Viele offene Fragen beim WM-Puzzle


Vor der Kadernominierung türmen sich die Probleme beim DFB – vom Umgang mit dem Comeback von Manuel Neuer über die Rolle von Joshua Kimmich bis hin zur Personalie Antonio Rüdiger. 
An diesem Donnerstag muss sich Bundestrainer Julian Nagelsmann erklären.

21 May 2026 - Rheinische Post
VON SEBASTIAN KALENBERG

Im Mai 2024 – einen Monat vor Start der Heim-EM – hatte sich der DFB eine kreative Aktion einfallen lassen und häppchenweise den Kader für das Turnier im eigenen Land von Prominenten, TV-Shows und Radiosendern bekannt geben lassen. Auch vor der WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada bekommt die Öffentlichkeit in den Tagen vor der eigentlichen Nominierung, die am Donnerstag (13 Uhr) in Frankfurt stattfindet, stündlich mitgeteilt, welche Spieler beim Turnier im Sommer dabei sein werden. Diesmal allerdings nicht über einen PR-Stunt des Verbandes, sondern über Tweets und Pushnachrichten von offenbar gut unterrichteten Journalisten.

Trotz dieser Kaskade an Vorabmeldungen über seinen Kader werden die Blicke der deutschen Fußball-Öffentlichkeit am Donnerstag auf Julian Nagelsmann gerichtet sein. Denn nach seinem wortkargen ZDF-Auftritt am vergangenen Samstag im „Aktuellen Sportstudio“, gibt es durchaus noch offene Fragen und Problemfelder, die mit der Nominierung aus der Welt geschafft werden sollten.

Wie beeinflusst die Neuer-Entscheidung das Torwartteam?

Ein ganz brandheißes Thema ist wohl schon geklärt: Trotz der gebetsmühlenartigen Bekundungen des Bundestrainers und Manuel Neuer selbst, dass der 40-jährige Keeper für ein DFB-Comeback nicht zur Verfügung stünde, verdichten sich die Anzeichen, dass genau das passieren wird. Aus sportlicher Sicht gibt es durchaus Argumente, den wohl besten Torwart der Geschichte statt des soliden Oliver Baumanns in den Kasten zu stellen.

Trotzdem muss Nagelsmann die Frage beantworten, was dieses Hin und Her um die Neuer-Personalie mit der Teamchemie macht. Nachdem Baumann fast über ein Jahr als neue Nummer eins beim DFB aufgebaut wurde, ginge der Hoffenheimer Keeper nun schwer beschädigt als Ersatzkeeper in die WM. Wie viel können die Nationalspieler noch auf das Wort ihres Trainers geben, der nur wenige Wochen vor dem Turnierstart seinen designierten Stammtorwart derart rüde unter den Bus wirft?

Bleibt Joshua Kimmich wirklich Rechtsverteidiger?

Immer wieder hatte sich Nagelsmann in seiner mittlerweile fast dreijährigen Amtszeit auf Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger festgelegt – und so die Chance ungenutzt gelassen, mit

Aleksandar Pavlovic und dem Routinier die Bayern-Mittelfeldachse auch beim DFB auflaufen zu lassen. Im Gespräch am Samstagabend mit ZDF-Moderator Jochen Breyer ließ der Bundestrainer – wie so ziemlich jede Frage an diesem Abend – unbeantwortet, ob der DFB-Kapitän auch bei der WM hinten rechts eingeplant sei.

Die Kadernominierung wird das beantworten: Nimmt Nagelsmann einen nominellen Rechtsverteidiger mit – von denen sich über die Saison niemand aufgedrängt hat – dann könnte die Tür für einen Positionswechsel noch einmal aufgehen. Denkbar ist aber auch, dass mit Nathaniel Brown und Malick Thiaw nur Aushilfs-Rechtsverteidiger im Kader stehen werden. Dann wäre die Rolle des Kapitäns gesetzt.

Ist eine Nominierung von Antonio Rüdiger noch vertretbar?

In der hitzigen Gemengelage bei Real Madrid machte Antonio Rüdiger zuletzt mal wieder Schlagzeilen abseits des Platzes: In der Kabine der Königlichen soll es zu einer Auseinandersetzung mit Mitspieler Alvaro Carreras gekommen sein, Berichte über eine Ohrfeige dementierte die Rüdiger-Seite gegenüber deutschen Medien. Für sein Verhalten habe sich der Verteidiger entschuldigt.

Es ist der nächste Eintrag auf einer langen Liste kleinerer und größerer Verfehlungen, die sich der 33-Jährige in der Vergangenheit geleistet hat. Auch beim DFB spielt Rüdiger nur noch auf Bewährung. Rechtfertigt seine vom Bundestrainer oft betont gute Stellung in der Mannschaft, dass er für die WM nominiert wird – und das auf Kosten des formstarken Matthias Ginter vom SC Freiburg?

Welche Rolle spielen die besten deutschen Scorer beim DFB?

Die bestimmenden DFB-Themen – hinter dem Neuer-Comeback – waren in dieser Saison zweifelsohne der schräge Umgang des Bundestrainers mit der Personalie Deniz Undav und die Frage, ob Kölns Shootingstar Said El Mala nominiert werden muss. Mit 19 Toren und sechs Vorlagen ist Stuttgarts Undav Deutschlands bester Scorer der Saison, mit 18 Scorerpunkten folgt dahinter schon El Mala (gemeinsam mit BVB-Konterstürmer Maximilian Beier).

Dass neben Undav auch der Kölner dabei sein wird, durfte die Öffentlichkeit bereits über mehrere Medienberichte erfahren. Die spannende Frage wird sein, in welchen Rollen Nagelsmann die beiden torgefährlichsten deutschen Spieler sieht. Nach seiner starken Saison mit dem VfB dürfte Undav weiterhin berechtigte Ansprüche auf die Startelf anmelden und sich mehr ausrechnen als die Joker-Position, die der Bundestrainer zuletzt noch für ihn vorgesehen hatte. Und auch der flexibel einsetzbare El Mala hat in einer strauchelnden Mannschaft bewiesen, dass er in der Hackordnung vor anderen arrivierten DFB-Akteuren stehen dürfte.

Reichen Sanés Leistungen für eine Nominierung?

Kein Tor für Galatasaray in der Champions League, im Achtelfinale gegen Liverpool vornehmlich nur Zuschauer, und insgesamt zwölf Scorer in der Süper League: Genügt diese Saisonbilanz von Leroy Sané, um eine Nominierung zu rechtfertigen? Wohl kaum. Zumal der Bundestrainer seinem Flügelstürmer aufgetragen hatte, dass er nach seinem IstanbulWechsel besonders mit Leistung hervorstechen müsse, um weiterhin Teil des DFB-Teams sein zu können. Sollte neben El Mala auch Bayern-Talent Lennart Karl zur WM fahren, dürfte es für Sané eng werden.

Wer wird der Stürmer für den X-Faktor bei engen Spielen?

Einen Joker für die letzten Minuten, wenn es in einem WM-Spiel Spitz auf

Knopf stehen sollte, den habe sich Nagelsmann nach eigener Aussage für seinen Kader noch gewünscht. Niclas Füllkrug, der die Rolle bei der Heim-EM ausgefüllt hat, und der lange verletzte Gladbacher Tim Kleindienst sollen es dem Vernehmen nach nicht werden. Gibt es hinter den gesetzten Nick Woltemade und Kai Havertz eine Überraschung in der Sturmspitze? Schafft sich der Bundestrainer bei der Nominierung vielleicht sogar seinen eigenen OdonkorMoment von 2006? Potenzial dazu hätte U21-Stürmer Nicolo Tresoldi, der bei Club Brügge 19 Tore und sieben Vorlagen in Liga und Königsklasse beigesteuert hat.

Was traut Nagelsmann seinem Kader bei der WM zu?

Im Moment der schmerzhaften Pleite im EM-Viertelfinale gegen Spanien rief Nagelsmann den WM-Titel 2026 als Ziel aus. Auf seine Ambitionen für das Turnier wird er auch am Donnerstag in Frankfurt angesprochen werden. Mit seiner Kadernominierung – und den folgenden Erklärungen – dürfte der Bundestrainer einen klaren Fingerzeig geben, was er der Mannschaft zutraut. Ob es wirklich der Titel werden kann, dahinter wird aber wohl so oder so ein großes Fragezeichen bleiben.

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