Bei Red Bull ist Klopp kein Messias
Ein Heiliger, ein Engel? Mindestens,
vielleicht nur nicht bei Red Bull: Jürgen Klopp.
Der Fußball-Kosmos der Österreicher kriselt. Ist Jürgen Klopp der richtige Mann in übergeordneter Position? Es gibt Zweifel.
1 Mar 2026 - Der Tagesspiegel
Von Martin Einsiedler
Im Frühsommer 2000 bekamen die Fußballer des FSV Mainz 05 einst im Testspiel gegen den FC Arsenal klar ihre Grenzen aufgezeigt. Besonders schwer hatte es ein großer Schlaks auf der rechten Außenbahn namens Jürgen Klopp, Spitzname: „Kloppo“. Der Spieler befand sich in den letzten Zügen seiner Karriere und duellierte sich auf seiner Seite mit Sylvinho. Der Brasilianer war fast zehn Jahre jünger, ungefähr zehnmal so schnell und mindestens zehnmal so technisch beschlagen wie Klopp selbst. Als zwei halbstarke Teenager auf den Stehplätzen meinten, sie könnten Klopp auslachen, nachdem Sylvinho ihn zum x-ten Mal ausgedribbelt hatte, drehte sich Klopp zu ihnen um – und brüllte sie unflätig an.
Was genau macht er dort?
Man muss dazusagen: Solche Wutausbrüche machten Klopp in Mainz keineswegs unsympathisch. Genau genommen war das Gegenteil der Fall. Und es stimmte ja: Was hatten die beiden Jungs einen ehrbaren Kämpfer wie Jürgen Klopp auszulachen? Immerhin rannte er Sylvinho in der letzten Minute des Spiels noch genauso leidenschaftlich hinterher wie in der ersten – obwohl schon nach wenigen Sekunden klar gewesen war, dass er gegen diesen Gegner chancenlos war.
Mit dieser kleinen Episode ist schon viel erzählt über den Mann, der sich kurz darauf aufmachte, Deutschlands bester Fußballtrainer zu werden. Klopp verstand es wie kein Zweiter, die Wut, die Intensität und die Resilienz, die in ihm steckten, auf seine Mannschaften zu übertragen. Ihm half sehr, dass die Leute ihn überall mochten – egal ob in Mainz, Dortmund oder Liverpool.
Es heißt, Fußball sei für viele eine Ersatzreligion. Wenn nur ein wenig davon stimmt, dann war Klopp in Mainz, Dortmund und Liver-pool ein Heiliger, ein Messias. Doch Sterne verglühen, wenn sie besonders hell leuchten. Irgendwann kam auch Klopp zu der Einsicht, dass er an der Seitenlinie nicht ewig all seine Energie lassen kann. Womit wir bei der Red Bull GmbH wären.
Dort arbeitet Klopp seit Anfang vergangenen Jahres als „Global Head of Soccer“. Für einen Großteil der Fußballfans war das – um beim Bild der Religion zu bleiben – nichts anderes als Frevel. Wie konnte sich der Mann des Fußballvolkes ausgerechnet diesem Marketingprodukt verschreiben?
Die zweite Frage, die sich schnell stellte: Was genau macht eigentlich ein „Global Head of Soccer“? Hier muss man sagen: So genau weiß man das bis heute nicht. Aus Klopps Antworten wird vor allem deutlich, was die Jobbeschreibung nicht bedeutet: Klopp ist keiner, der Mannschaftsaufstellungen über die Köpfe der angestellten Trainer im RedBull-Netzwerk hinweg bestimmt. Totengräber für Trainer – das sei der letzte Job, den er haben wollte, sagte er einmal.
Er übe eine beratende Rolle mit Macht aus. „Das bedeutet also, dass ich viel zuhöre und mich stark auf die Menschen in den Klubs verlasse. In manchen Momenten beruhige ich die Lage, in anderen treffe ich Entscheidungen.“Klopp als beruhigender Zuhörer? Diese Rolle scheint auf den ersten Blick nicht zu dem Trainer zu passen, der jahrelang wilde Veitstänze an der Seitenlinie aufführte – auch wenn er inzwischen 58 Jahre alt ist. Die Frage ist, ob das auf Nahbarkeit und Intensität beruhende „System Klopp“in dieser übergeordneten Funktion funktionieren kann.
Die Entwicklung ist rückläufig
Anhand des intransparenten Jobprofils ist es nahezu unmöglich, Klopps Arbeit zu beurteilen. Sichtbar ist jedoch: Seit er im Amt ist, läuft es für die Organisation nicht besser. RB Leipzig, Red Bull New York, Leeds United, RB Bragantino oder Paris FC – sie alle liegen hinter den Erwartungen zurück. Die Entwicklung des Fußball-Kosmos Red Bull ist derzeit rückläufig.
Bei Red Bull und der deutschen Dependance RB Leipzig ist Klopp eher kein Messias. Und prompt tauchte vor wenigen Tagen eine Meldung der „Salzburger Nachrichten“auf, wonach Klopp in der Organisation nicht mehr unumstritten sei und der Konzern ihm keine Steine in den Weg legen werde, sollte er ein anderes Engagement beginnen wollen.
Geschäftsführer Oliver Mintzlaff dementierte die Gerüchte: „Völliger Schwachsinn.“Auch Klopps engster Berater Marc Kosicke sagte Transfermarkt.de: „Vielleicht sagt er irgendwann noch einmal, er muss wieder die Kabine riechen. Aber im Moment ist er, wie gesagt, sehr, sehr glücklich in seiner Rolle.“Das klingt alles weniger nach Abschied als nach dem Wunsch vieler Fans, dass aus Jürgen Klopp vielleicht doch noch einmal der wilde „Kloppo“an der Seitenlinie wird. Vielleicht sogar als Trainer der deutschen Nationalmannschaft?
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