Ein Verein sieht Rot
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Die Kartenflut wird für den HSV zum Problem.
Ex-Verteidiger Schnoor rügt vor allem das Verhalten auf der Bank
24 Apr 2026 - Hamburger Morgenpost
Von FLORIAN REBIEN
Am Samstagabend werden sie wieder Rot sehen. Tausendfach. Die Erklärung ist einfach: Die Fanszene hat für das Heimspiel gegen Hoffenheim dazu aufgerufen, dass alle, die es mit dem HSV halten, in roter oder weißer Kleidung ins Stadion kommen. Die Farbe Rot, sie ist in dieser Saison insgesamt aber eher problematisch für den HSV.
Noch hat der HSV ein Fünf-Punkte-Polster auf den Relegationsplatz. Doch der Trend spricht gegen die Hamburger. An den vergangenen acht Spieltagen holte in der Bundesliga nur Wolfsburg (vier) weniger Zähler als der HSV (sechs). Auch, weil sich die Hamburger zu oft selbst dezimieren. Auf dem Platz und daneben. Hat die Mannschaft von Trainer Merlin Polzin ein Disziplinproblem?
Schon acht Platzverweise kassierten die HSV-Profis in dieser Saison – mehr als jeder andere Bundesliga-Klub. Mainz (fünf) und Werder Bremen (vier) folgen mit deutlichem Abstand. Nur in einer Erstliga-Spielzeit wurden die Hamburger bislang noch häufiger vom Platz gestellt. Das war in der Saison 1994/95. Damals mussten gleich elf Profis vorzeitig duschen. Einer von ihnen war Stefan Schnoor.
Schnoor sieht keine Disziplinlosigkeit
Wie bewertet der ehemalige Verteidiger die Rot-Flut der Hamburger? Pauschal von Disziplinlosigkeit zu sprechen, greife zu kurz, sagt der 55-Jährige. „Man muss schauen, wie es zu den Roten Karten kam. Wenn es sechs der acht Roten Karten wegen Meckerns oder einer Tätlichkeit gegeben hätte, dann hätte das sicherlich mit fehlender Disziplin zu tun. Das war aber oft nicht der Fall.“Das Problem liege an anderer Stelle. Für Profis und Schiedsrichter sei es in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Wegen des VAR. „Es wird mittlerweile fast jede Szene bis ins kleinste Detail analysiert“, sagt Schnoor. „Ich glaube, dass heutzutage viel zu viele Rote Karten gegeben werden. Fußball ist nach wie vor ein Kontaktsport. Es geht um Zweikämpfe. Da gehören gewisse Dinge dazu. Es muss unterschieden werden, wann es wirklich ein grobes Foulspiel ist.“
Hierzu passt, dass selbst Schiedsrichter Florian Exner nach dem Platzverweis für Philip Otele in Bremen eingestand, dass er jeden verstehe, der sage, dass es „nicht die klarste Rote Karte“gewesen sei. Dennoch sperrte der DFB Otele für zwei Spiele.
Fast jeder auf der HSV-Bank sah Rot
Wenig Verständnis hat Schnoor für die Kartenflut auf der HSV-Bank. Ob Torwarttrainer, Physiotherapeut, Arzt, Sportdirektor, CoTrainer oder Chefcoach – bei den Hamburgern hat es in dieser Saison fast jeden, der dort sitzt, schon erwischt. Co-Trainer Loic Favé muss gegen Hoffenheim zum zweiten Mal eine Sperre absitzen. „Wenn da unten jemand etwas zu sagen hat, dann ist es der Trainer und eventuell noch die Co-Trainer. Wenn alle anderen auch noch dazukommen und verwarnt werden, wird es irgendwann schwierig. Da musst du einen Riegel vorschieben“, sagt Schnoor, der deutlich wird: „Wenn ich Trainer einer Bundesliga-Mannschaft bin und mein Physio springt auf, weil er in einer Spielsituation etwas sagen will, dann ist Ende im Gelände.“
Für Schnoor ist die HSV-Bank in dieser Saison ein zu großer Unruheherd. Nur der Cheftrainer und seine Assistenten sollten sich äußern. „Es geht um Autorität und die Kernkompetenz der einzelnen Personen“, erklärt Schnoor, der 149-mal für den HSV auflief. Er appelliert an alle Beteiligten, sich auf ihre Aufgaben und auf das Geschehen auf dem Platz zu konzentrieren. Andernfalls sei der Mannschaft nicht geholfen.
Und was denkt Schnoor über den Saisonendspurt? „Ein Zuckerschlecken wird das auf jeden Fall nicht. Der HSV hat einen Negativlauf zum falschen Zeitpunkt“, sagt der ehemalige Innenverteidiger, der nur für Wolfsburg (169-mal) häufiger spielte als für den HSV. Seine Prognose: „Du wirst noch Punkte brauchen – auch wenn die anderen Mannschaften sich teilweise gegenseitig die Punkte wegnehmen. Der HSV braucht noch einen Sieg, dann bist du sicher.“
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Die Außendarstellung muss sich ändern
24 Apr 2026 - Hamburger Morgenpost
JAN-HENDRIK SCHMIDT
jan-hendrik.schmidt@ mopo.de
Das Bild, das der HSV in der Fairnesstabelle der Bundesliga abgibt, ist wahrlich kein gutes. Dass die Nerven auch auf der Trainerbank der Hamburger so regelmäßig blank liegen und am Spielfeldrand mehr Karten gesammelt werden, als viele Spieler gemeinsam auf dem Konto haben, zeigt am Ende vor allem eines: Der Druck ist enorm hoch in dieser Saison. Dass Emotionen zum Fußball gehören und auch Trainer und Staffmitglieder bei den Spielen voll mitgehen, ist völlig legitim. Das darf gerade in Spielen wie dem Nordderby auch sichtbar werden.
Das Problem ist ein anderes. Wie viel Druck im Saisonfinale auf dem Kessel ist, darf man nämlich auch durchaus mal in den Äußerungen der Verantwortlichen spüren. Der Zusammenhalt, der nach außen gelebt wird, ist vorbildlich. Und auch wenn es heißt, intern werde ein kritischerer Ton angeschlagen, ähneln sich die Aussagen von Merlin Polzin und Claus Costa in dieser so heißen Phase von Wochezu-Woche zu sehr.
Doch die Erzählung vom Aufsteiger, der nach sieben Jahren in der Zweiten Liga wisse, woher er komme, ist zwar wahr, aber keine, die im Endspurt in Dauerschleife laufen sollte. Es geht für den HSV jetzt um alles. Das darf nach außen auch gerne so gesagt werden. Dass jetzt mit aller Macht die nötigen drei bis vier Punkte geholt werden müssen, koste es, was es wolle, darf jetzt über die Lippen kommen.
Der HSV ist grundsätzlich im Soll, auch wenn die Entwicklung zuletzt nach unten zeigte. Besonders die Spiele in Stuttgart und in Bremen waren nicht gut. Dass die Heimspiele gegen Köln und Augsburg nicht gewonnen werden konnten, spürt jetzt jeder beim Blick auf die Tabelle. Es ist auch okay, dass diese Saison auf Platz 15 beendet werden könnte. Nichts anderes war das Ziel. Aber genau daran müssen sich alle messen lassen. Darauf verlassen, dass St. Pauli keine fünf bis sechs Punkte mehr holt, darf sich im Volkspark niemand.
Also darf auch mit etwas mehr Entschlossenheit nach außen getreten werden, ohne den bisherigen Kurs der Kommunikation komplett zu kreuzen. Dafür gibt es auch keine Gelbe oder Rote Karte.
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