„Kommt nicht nach Guadalajara“
Fußball und Gewalt – wie soll Mexiko beides voneinander trennen?
Im Sommer sollen in Mexiko Spiele der Fußball-WM stattfinden. Die Einwohner schwanken zwischen Hoffnung auf ein tolles Turnier und Angst vor Gewalteskalation.
"Statt die echten Probleme der Bürger anzugehen,
wird einfach eine große Show aufgebaut."
- Natalia de la Torre
28 Feb 2026 - Der Tagesspiegel
Von Laura Dahmer und Inga Hofmann
Nach der Tötung von Mexikos mächtigstem Drogenboss Nemesio Oseguera Cervantes, besser bekannt als „El Mencho“, kommt das Land nicht zur Ruhe. Aus Rache errichteten Mitglieder seines Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG) hunderte Straßenblockaden und steckten Autos und Banken in Brand. Bei Schusswechseln starben in den vergangenen Tagen mindestens 27 Sicherheitskräfte und 46 mutmaßliche Kartellmitglieder.
Besonders von der Gewalt betroffen sind der Bundesstaat Jalisco und seine Hauptstadt Guadalajara. Ausgerechnet dort, wo in etwas mehr als drei Monaten vier Spiele der Fußballweltmeisterschaft stattfinden sollen. Denn Mexiko ist mit den USA und Kanada WM-Gastgeberland, 13 von insgesamt 108 Spielen werden hier ausgetragen.
Jetzt gibt es Zweifel an der Sicherheit für Fans. Aber wie blicken Mexikanerinnen und Mexikaner selbst auf die WM im eigenen Land? Vier von ihnen haben es dem Tagesspiegel erzählt.
Natalia de la Torre, 27 Jahre,
Ingenieurin aus Monterrey
Obwohl ich selbst kein großer Fußballfan bin, war die Vorfreude auf die WM vor den Gewaltausschreitungen deutlich spürbar. Mexiko ist ein fußballverrücktes Land, doch viele Menschen können sich die Spiele nicht leisten – selbst für vergleichsweise Gutverdienende sind die Tickets zu teuer. Das sorgt für Frust und den Eindruck, dass Touristen bevorzugt werden.
Gleichzeitig wurden in Städten wie Monterrey, Mexiko-Stadt und Guadalajara zahlreiche Bau- und Renovierungsprojekte gestartet. Besonders in Monterrey, wo eine neue Bahnlinie vom Flughafen zum Stadion entsteht, herrscht Skepsis: Wegen des extrem engen Zeitplans zweifeln viele an der Sicherheit und befürchten schlechte Ingenieursarbeit.
Der Alltag der Menschen leidet ohnehin unter enormem Verkehr, der durch Baustellen und Sperrungen weiter verschärft wird. Viele fühlen sich von einer Regierung übergangen, die ihre Prioritäten eher auf ein glänzendes Bild für die Welt richtet als auf das tägliche Leben der Bevölkerung.
Dazu kommt die angespannte Sicherheitslage – besonders rund um Guadalajara. In sozialen Medien kursieren Videos von Schießereien und brennenden Tankstellen, begleitet von Drohungen des Kartells an die mexikanische Regierung und die USA. Manche schreiben „Goodbye World Cup 2026“.
Ich habe das Gefühl, dass die mexikanische Regierung möglichst wenig dazu sagen wird und hofft, dass die Menschen all das bis zur WM vergessen. Aber ich glaube leider auch, dass viele Angst haben, dass das Drogenkartell während des Turniers die Lage weiter eskalieren lassen könnte.
Und dann kommen noch große Menschenmengen, Alkohol und aufgeheizte Stimmung dazu. In Mexiko werden zwar wohl keine brisanten Spiele ausgetragen. Trotzdem fühlt es sich unfair an, ein Turnier in einem Land auszutragen, in dem die Regierung instabil ist und viele Menschen jeden Tag stundenlang zur Arbeit brauchen, eine miserable Work-LifeBalance haben und mit echten Problemen kämpfen. Statt das anzugehen, wird einfach eine große Show aufgebaut.
Angelina Álvarez, 59 Jahre,
aus Mexiko-Stadt
Jedes Mal, wenn die WM in unser Land kommt, erwarten uns Mexikaner gute Zeiten. Das Event gibt uns eine Chance, uns der Welt als gute Gastgeber zu präsentieren, und damit wieder mehr Tourismus ins Land zu holen. Das wiederum wäre gut für unsere Wirtschaft.
Ich hoffe auch, dass die WM uns näher zusammenrücken lässt. Deshalb finde ich es auch nicht gut, wie teuer die Eintrittskarten für die Fußballspiele inzwischen sind. Nur wenige Menschen können sich das leisten, der Rest bleibt weitgehend ausgeschlossen.
Meinen Alltag wird das Event deshalb wahrscheinlich kaum beeinflussen. Das war in der Vergangenheit – bei den Weltmeisterschaften 1970 und 1986 – anders, damals konnten wir alle ins Stadion gehen, wenn wir das wollten. Trotzdem fiebere ich auch diesmal mit. Auf geht’s, Mexiko!
Francisco López, 32 Jahre,
Projektmanager aus Queretaro
(zwischen Guadalajara und Mexiko-Stadt)
Als mexikanischer Fußballfan war ich wirklich glücklich und überrascht, als ich hörte, dass Mexiko die WM ausrichten wird. Gleichzeitig war ich aber auch besorgt: Unser Transportsystem gehört nicht gerade zu den effizientesten. Dazu kommt das allgemeine Sicherheitsstigma, das weltweit über Mexiko hängt. Ja, es gibt Unsicherheiten – aber für Touristen trifft das meist viel weniger zu. Unser Land ist dafür bekannt, ein großartiger Gastgeber und ein beliebtes Reiseziel zu sein.
Monterrey, Mexiko-Stadt und Guadalajara sind wunderschöne Städte. Monterrey und Guadalajara sind sehr industrielle Städte, und Mexiko-Stadt ist nun mal Mexiko-Stadt – einzigartig und riesig. Wenn man die Orte miteinander vergleicht, dann hat Guadalajara allerdings mit Abstand die höchste Kriminalität und die stärkste Präsenz organisierter Gruppen.
Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass ausgerechnet Guadalajara als WM-Austragungsort ausgewählt wurde. Mit all den internationalen Schlagzeilen ist es völlig nachvollziehbar, dass sich die Fifa Sorgen macht, ob Guadalajara wirklich sicher genug für eine WM ist. Ich persönlich bezweifle es. In den vergangenen zwei Monaten gab es dort viele Meldungen über Kämpfe zwischen kriminellen Gruppen mitten in der Stadt, und Menschen sind in wichtigen Bereichen des Stadtzentrums ums Leben gekommen.
Wenn ich als Mexikaner der Fifa und den internationalen Verbänden etwas empfehlen dürfte, dann wäre es leider: Kommt nicht nach Guadalajara. Es macht mich traurig, das zu sagen, aber so ist die Lage momentan.
Rafael Ch Durán, 39 Jahre,
Berater aus Mexiko-Stadt
In erster Linie hoffe ich natürlich, dass Mexiko die Weltmeisterschaft gewinnt – oder wir zumindest unseren Fluch brechen und ins Viertelfinale einziehen.
Ich erwarte von unserer Regierung, dass sie die WM-Stadien mit einem effektiven Sicherheitskonzept und Zäunen sichert, um zu zeigen, dass die Situation mit dem CJNG (Kartell Jalisco Nueva Generación, Anm. d. Red.) unter Kontrolle ist – und, um die Erzählung über unser Land und die Unsicherheit zu ändern. Diese Präsidentschaft hält einen historischen Rekord: Die Kriminalitätsrate ist auf dem niedrigsten Stand der letzten zwei Jahrzehnte.
Ich denke, auch das CJNG hat ein Interesse daran, die Lage um die Weltmeisterschaft zu deeskalieren. Mit einem Angriff auf Zivilisten bei einem so wichtigen Ereignis würden sie den Staat dazu zwingen, entschieden gegen sie vorzugehen.
Die WM ist für Mexiko eine Chance. Anerkennung zu gewinnen als Land, das aus der wirtschaftlichen Stagflation – Rezession, kombiniert mit einer hohen Inflation und Arbeitslosigkeit – herauskommen will. Ich bin sehr stolz darauf, dass Mexiko wieder eine WM austrägt, und wir die Möglichkeit haben, Menschen aus allen Ländern dieser Welt zu empfangen. Sie sind hier immer herzlich willkommen.
Commenti
Posta un commento