Das zweite Spiel ist immer das schwerste
Stoßgebet: 2010 musste Joachim Löw nach dem
0:1 gegen Serbien ums Weiterkommen zittern.
Für Deutschland geht die WM weiter. In der Vergangenheit lief es im zweiten Gruppenspiel oft nicht gut.
Nach ihrem Auftaktsieg gegen Curaçaotrifft die Nationalmannschaft nun auf die Elfenbeinküste. In der Vergangenheit ist es im zweiten Gruppenspiel oft nicht gut gelaufen.
20 Jun 2026 - Der Tagesspiegel
Von Stefan Hermanns
North Carolina, der Bundesstaat, in dem die deutsche FußballNationalmannschaft während der Weltmeisterschaft ihr Quartier bezogen hat, ist bekannt für seine reiche Tierwelt. Unter anderem sind hier amerikanische Schwarzbären, Rotluchse und Kojoten zu Hause, denen man nicht unbedingt im Dunkeln begegnen will. „Hier hab ich ein biss’l Respekt vor den Tieren“, sagt Nationalspieler Joshua Kimmich.
Dieser Respekt ist durchaus angebracht. Dem Kapitän der deutschen Mannschaft ist dieser Tage in Winston-Salem eine Schlange über den Weg gekrochen. Eine, von der man ihm gesagt hat, dass sie giftig sei. „Ich glaube nicht, dass man stirbt“, berichtete Kimmich, „aber es ist zumindest mal gefährlich.“
So ähnlich stellt sich für ihn und seine Kollegen aus der Nationalmannschaft auch die Gesamtsituation vor dem zweiten Gruppenspiel bei der WM in Nordamerika dar. An diesem Samstag (22 Uhr MESZ, ZDF und Magenta) treffen die Deutschen in Toronto auf die Elfenbeinküste. Einen Gegner von Format und mit Qualität, der ebenfalls mit einem Sieg (1:0 gegen Ecuador) ins Turnier gestartet ist.
Verlässliches Schwächeln des deutschen Teams
Sollte die Nationalmannschaft – im übertragenen Sinn – von der Elfenbeinküste gebissen werden, das Spiel also verlieren, würde sie daran nicht gleich sterben. Aber gefährlich wäre es für den weiteren Verlauf des Turniers allemal.
Und zudem nicht ganz neu für die Nationalmannschaft. Mit Blick auf deren Turniergeschichte seit der Jahrtausendwende könnte man sogar behaupten: Das zweite Spiel war für die Nationalmannschaft immer das schwerste. Oder zumindest oft. Der „Spiegel“hat vor einigen Jahren sogar den „Fluch des zweiten Spiels“ausgerufen, nachdem die Deutschen darin verlässlich geschwächelt hatten.
Zumindest in ihrer erfolgreichen Phase zwischen 2006 und 2016 war das so. Unter den Bundestrainern Jürgen Klinsmann und Joachim Löw schafften es die Deutschen in jener Zeit bei allen Welt- und Europameisterschaften unter die besten vier, und stets starteten sie dabei mit einem Sieg ins Turnier. Im zweiten Spiel aber haperte es oft.
Nur bei der Heim-WM 2006 (durch das späte Tor von Oliver Neuville gegen Polen) und bei der EM 2012 (2:1 gegen die Niederlande) ließ die Nationalmannschaft dem Auftakterfolg gleich einen zweiten Sieg und damit die vorzeitige Qualifikation für die nächste Runde folgen. In allen anderen Fällen aber machte sich das DFBTeam das Leben durch einen schwächeren zweiten Auftritt selbst unnötig schwer.
Bei der EM 2008 unterlag die Mannschaft Kroatien im zweiten Gruppenspiel mit 1:2. Der damals noch jugendlich wilde Bastian Schweinsteiger sah zudem kurz vor Schluss für eine Tätlichkeit die Rote Karte. Zwei Jahre später bei der Weltmeisterschaft in Südafrika flog Miroslav Klose gegen Serbien mit Gelb-Rot vom Platz, das Spiel ging 0:1 verloren. Selbst beim WM-Titel 2014 lief es keineswegs so glatt, wie es im Nachhinein erscheinen mag. Im zweiten Spiel gegen Ghana reichte es nur dank eines Tores des eingewechselten Klose zum 2:2-Endstand zu wenigstens einem Punkt.
„Vielleicht waren wir nach dem guten ersten Spiel zu zufrieden“, hat Deutschlands Mittelfeldspieler Sami Khedira bei der EM 2016 gesagt, als die Nationalmannschaft dem 2:0 zum Auftakt gegen die Ukraine ein müdes 0:0 gegen Polen folgen ließ. Solche Nachlässigkeiten konnte sich die Mannschaft im abschließenden Gruppenspiel dann nicht mehr erlauben – sonst wäre das Turnier für sie vorzeitig zu Ende gewesen.
Insofern war es im Nachhinein vielleicht gar nicht so schlecht, dass für die Deutschen nicht alles glatt gelaufen ist, dass ihre Sinne zeitig geschärft wurden, weil sie schon früh im Turnier gegen Widerstände ankämpfen und bereits in der Vorrunde in den Alles-odernichts-Modus schalten mussten.
Im ersten Gruppenspiel am vergangenen Wochenende, beim 7:1Erfolg gegen einen Zwerg namens Curaçao, ist das deutsche Team nur auf wenige Widerstände gestoßen. Dass es für die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann nun im zweiten Spiel deutlich schwerer werden wird, ist daher keine gewagte Prognose. Es liegt nicht zuletzt an der Qualität des kommenden Gegners.
„Sie haben spektakuläre Spieler in der Offensive“, sagt Joshua Kimmich über die Elfenbeinküste. Aber auch die ivorische Defensive ist gut. In den zehn Qualifikationsspielen für die WM hat die Mannschaft kein einziges Gegentor kassiert, bei den jüngsten vier Länderspielen war es auch nur eins – gegen den WM-Favoriten Frankreich. Gewonnen hat die Elfenbeinküste diese Partie trotzdem.
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