„Das Land ist sehr gespalten“
Die kolumbianischen Fans durften sich am
Dienstag über ein 1:0 gegen die DR Kongo freuen.
Wie Kolumbiens Fußballfans auf den Wahlsieg des rechtsextremen de la Espriella reagieren. Bei den WM-Spielen waren viele politische Gesänge zu hören.
” Petro ist Sozialist. Wer das Geld für ein WM-Ticket hat, wählt sicher nicht sozialistisch. Kolumbianischer Fan beim WM-Spiel in Mexiko
25 Jun 2026 - Der Tagesspiegel
Von Kit Holden
Er möchte lieber nicht über die Wahl sprechen, sagt ein kolumbianischer Fan ein paar Stunden vor Anpfiff im Stadion von Guadalajara. Fußball und Politik? Das seien zwei Sachen, die man am liebsten getrennt halten sollte. Wie man aber immer wieder feststellen muss, lassen sie sich einfach nicht trennen. Bei dieser WM ohnehin nicht , und erst recht nicht in dieser Woche. Auch das hart erkämpfte 1:0 von Kolumbien gegen DR Kongo stand am Dienstag im Schatten der Politik. Also im Schatten der Präsidentschaftswahlen zwei Tage zuvor und des Sieges des rechtsextremen Kandidaten Abelardo de la Espriella. „Das Land ist sehr gespalten“, sagt Andres Guerra, der vor dem Spiel mit seinen Freunden im kleinen Stadion-Biergarten steht. „Das Wahlergebnis war praktisch 50 Prozent zu 50 Prozent, also gibt es ein sehr hohes Maß an Polarisierung.“
Wie es mittlerweile so oft in demokratischen Ländern der Fall ist, war diese Präsidentschaftswahl tatsächlich ein erbitterter Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Visionen. Auf der einen Seite stand Ivan Cepeda, designierter Nachfolger des linken Amtsinhabers Gustavo Petro. Auf der anderen Seite der grelle Millionär de la Espriella, der von Trump unterstützt wird, LGBT-Rechte einschränken und mit einer „eisernen Hand“regieren will. Für den Fan Guerra war der knappe Sieg des Letzteren kein Grund zur Freude: „Ich bin jemand, dem Naturschutz sehr wichtig ist. Kolumbien ist das Land mit der zweithöchsten Artenvielfalt der Welt, und für mich ist es inakzeptabel, wenn ein Präsident sagt, er will‚ so viel Fracking wie möglich‘.“
In Guadalajara war er aber gefühlt in der Minderheit. Wie schon in der Hauptstadt hatten die kolumbianischen Fans auch hier die Stadt und das Stadion für sich erobert, und viele waren auch politisch in Feierlaune. „Die meisten Fans hier im Stadion haben den gleichen Kandidaten unterstützt. Man sieht, dass alle zufrieden sind“, sagt etwa Alejandro Gutierrez, der aus Medellín angereist war. Sein Freund Sebastian Ortiz gehörte auch dazu. „Wir hatten zuletzt eine Regierung, die viel zum Schlechten verändert hat, was die Wirtschaft anging. Persönlich bin ich also sehr zufrieden mit dem Ergebnis“, sagt er.
Streit um das Nationaltrikot
Schon beim ersten WM-Spiel hatten viele Fans ihre politischen Farben gezeigt. Sowohl in der U-Bahn von Mexiko-Stadt als auch im Aztekenstadion gab es immer wieder gewaltige Sprechchöre von „Petro raus!“. Auf die Nachfrage, ob alle Fans so denken würden, kam von einem Fan eine fast schon selbstironische Antwort zurück: „Petro ist Sozialist. Wer das Geld für ein WM-Ticket hat, wählt sicher nicht sozialistisch.“
Ein Fußballtrikot war schon in den Wochen vor der WM zu einem Streitpunkt der Wahl geworden. Obwohl er selbst kein Fußballfan ist, hatte der ultrarechte de la Espriella das Nationaltrikot zum Symbol seiner Kampagne gemacht. Er hat es nicht nur selbst bei jeder Gelegenheit getragen, sondern auch seine Unterstützer dazu ermuntert, im Trikot zum Wahllokal zu gehen.
Wie einst schon Jair Bolsonaro in Brasilien hat er damit auch einen riesigen Streit um die Heiligkeit des Nationalsports ausgelöst. Cepeda warf seinem Rivalen vor, das Trikot „gestohlen“zu haben. Ein Rechtsurteil, das de la Espriella dessen Nutzung im Wahlkampf untersagte, erlaubte es dem Populisten aber auch, sich selbst als Opfer darzustellen.
Inwiefern diese Nebenhandlung einen Einfluss auf das knappe Wahlergebnis vom Sonntag hatte, ist eine ganz andere Frage. Klar ist, dass die Politik am Dienstag noch präsent in den Köpfen war. Am Eingang des Stadions trug etwa ein Fan ein Trikot mit den Worten „Espriella Presidente“und der Nummer „26“auf dem Rücken. „Ich bin Mexikaner, aber wir unterstützen Kolumbien und vor allem die Rechten“, sagte der Trikotträger. Der einzige gute Linke in Kolumbien sei für ihn der linksfüßige Ex-Bayern-Spieler James Rodríguez.
Ganz repräsentativ stand er für sein Land wohl nicht. Mit Claudia Sheinbaum wird Mexiko nämlich von einer linken Präsidentin regiert , die nach wie vor sehr hohe Beliebtheitswerte genießt. Mit dem Rechtsruck Kolumbiens hat Sheinbaum jedoch einen wichtigen politischen Verbündeten in der Region verloren.
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