Alle schwärmen von Tresoldi


FOTO: IMAGO 
Brügges Nicolò Tresoldi feiert seinen ersten Treffer im 
Champions-League-Spiel bei Inter Mailand am Dienstag.

Ausgerechnet in Italien, der Heimat seines Vaters, feiert der deutsche U21-Nationalstürmer seinen bislang größten Fußball-Abend. Beide Nationen buhlen um ihn, aber für welches Land wird er zukünftig auf Torejagd gehen?

15 Oct 2026 - Rheinische Post
VON STEFAN TABELING

MAILAND (dpa) Die Abwehr von Inter Mailand hatte er bei seiner Tor-Gala in San Siro schwindelig gespielt, aber die drängende Frage nach seiner Zukunft konnte Nicolò Tresoldi nicht umdribbeln. Squadra Azzurra oder deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Wie wird sich der in Cagliari geborene und in Hannover groß gewordene Jungstar entscheiden?

„Ich habe mit den Leuten gesprochen, mit denen ich sprechen musste: Klopp, Mancini, dem deutschen und dem italienischen Verband. Ich habe ihnen meinen Standpunkt dargelegt, und sie wissen Bescheid. Mal sehen“, sagte Tresoldi bei Sky Italia, nachdem der Milan-Fan beim 4:3Coup des belgischen Meisters Club Brügge mit drei Treffern den italienischen Top-Club quasi im Alleingang zerlegt hatte.

„Tresoldi, was für eine Nacht. Er ist ein Killer - genau deshalb will ihn Italien. Als Milan-Fan spielt er im San Siro wie von einem anderen Stern“, schwärmte die „Gazzetta dello Sport“und hofft, dass der Youngster bald das blaue Trikot Italiens trägt: „Er muss sich nur noch entscheiden, für welches Land er künftig auflaufen will: Momentan steht es 50:50. Auf der einen Seite Italien, die Heimat des Vaters, auf der anderen Seite Deutschland, das ihn nie im Stich gelassen hat. Nach einer solchen Nacht besteht die Hoffnung, dass sich der Wind uns zuwendet.“

Sowohl Bundestrainer Jürgen Klopp als auch Italiens Nationalcoach Roberto Mancini haben bei Tresoldi bereits angefragt. Der Youngster will aber seine Zeit mit der deutschen U21 zu Ende bringen und die EM im kommenden Sommer in Albanien und Serbien spielen, ehe er eine endgültige Entscheidung trifft. „Im Moment genieße ich die Zeit hier und bei der deutschen U21, mit der ich die Europameisterschaft gewinnen will. Ich will sie gewinnen, genau wie mein Vater“, sagte der 22-Jährige.

Vater Emanuele Tresoldi wurde 1994 mit Italien U21-Europameister, spielte einst für Atalanta Bergamo in die Serie A. 2017 zog die Familie wegen des Jobs der Mutter nach Hannover, bei 96 reifte der Youngster zum Fußballprofi und empfahl sich für die deutsche Jugendauswahl. In der U21 jagt er sogar den Torrekord von Pierre Littbarski, der es auf 18 Treffer brachte. Nur noch zwei Tore fehlen Tresoldi.

Neu-Bundestrainer Klopp hätte Tresoldi am liebsten schon für die Nations-League-Spiele nominiert, doch der Deutsch-Italiener will sich Zeit lassen. Entsprechend übt Klopp erst gar keinen Druck aus. „Für einen jungen Kerl ist das wahnsinnig schwierig. Es geht null Komma null darum, dass er morgens aufsteht und die eine oder die andere Nationalhymne singen will. Sondern es geht um ganz viele Dinge“, sagte Klopp kürzlich. „Wenn man da die Möglichkeit hat, sich da ein bisschen mehr Zeit zu nehmen, macht es absolut Sinn, dass man das macht.“

Einen Stürmer seiner Güte könnte das DFB-Team gut gebrauchen - wie auch das ebenfalls kriselnde Italien. In der vergangenen Saison wurde er Torschützenkönig in Belgien und auch in dieser Spielzeit hat er schon wieder jeweils viermal in der Liga und auch in der Königsklasse getroffen. Wenn er in der Champions League trifft, dann immer gegen hochkarätige Gegner: FC Barcelona, Atlético Madrid, AS Monaco, Inter Mailand.

Aber der Abend in San Siro war ein ganz spezieller. Eltern und Freunde saßen auf der Tribüne. „Für mich als Milan-Fan war es ein kleines Derby. Es war eine verrückte und unbeschreibliche Nacht. Von einem solchen Abend habe ich geträumt. Vor dem Spiel habe ich viele Nachrichten von Milan-Fans erhalten“, sagte Tresoldi.

Aus deutscher Sicht schrieb Tresoldi sogar ein wenig ChampionsLeague-Geschichte. Mit 22 Jahren und 54 Tagen war er der jüngste deutsche Dreierpacker in der Champions League. Damit löste er Karim Adeyemi (22 Jahre, 257 Tage) ab. Routiniert nahm er die Trophäe als Man of the Match entgegen.

Nur einmal wurde Tresoldi dann doch verlegen. „(Fabio) Capello und (Zvonimir) Boban im Studio? Ich bin jetzt fast nervöser als auf dem Platz“, sagte Tresoldi, als er von den früheren Milan-Größen erfuhr, die seinen magischen Auftritt verfolgten.

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Wie Harry Kane: Als Hattrickschütze sichert 
sich Tresoldi natürlich den Spielball.

„Ein Traum“für den Umworbenen

Stürmer Nicolò Tresoldi trifft für Brügge dreimal bei Inter Mailand – und vertieft die Debatte, ob er für Italien oder Deutschland spielen sollte.

15 Oct 2026 - Süddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe
Felix Haselsteiner

Mailand – Wie ein glücklicher Derbysieger sah Nicolò Tresoldi aus, nach diesem Spiel, das gar kein Derby war. Auf den Rasen des San Siro hatte er sich noch einmal gesetzt, lange nach Spielschluss, mit der Trophäe des besten Spielers in der Hand. Er blickte in Richtung seiner Familie auf der Tribüne. Italienische Medien wollten später ein paar Tränen in seinen Augen entdeckt haben. Als ob die ganze Geschichte vom Dienstagabend nicht schon genügend Pathos gehabt hätte.

Für Tresoldi fühlte sich dieses Champions-League-Match an wie ein Derby

Drei Tore erzielte Tresoldi in der zweiten Champions-League-Partie dieser Saison beim 4:3-Sieg für seinen Club Brügge gegen Inter Mailand, der für beide Klubs von großer Bedeutung war. Für Brügge war der Sturmlauf auf die Mailänder Scala des Fußballs einer der größten Erfolge der Vereinsgeschichte. Für das ohnehin schon geschädigte Inter eine weitere Schmach nach dem peinlichen Scheitern im Sechzehntelfinale gegen das kleine Bodø/Glimt im Frühjahr. Aber Kritik am Trainer und an der miserablen jüngeren Königsklassen-Bilanz des besten italienischen Vereins war erst einmal nachrangig: Ganz Italien feierte einen der hoffnungsvollsten Stürmer des Landes, der sich gerade auf größtmöglicher Bühne noch einmal vorgestellt hatte.

Dass Nicolò Tresoldi, 22, in der jüngsten Länderspielpause im Trikot der deutschen U21-Nationalmannschaft auflief? Chi se ne frega – wen kümmert’s. Soll er sich doch melden, der Signore Jürgen Klopp, mit dem Tresoldi nach eigener Aussage genauso spricht wie mit Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini. Tresoldi ist auf Sardinien geboren, aber seit 2022 läuft er für die U-Mannschaften des Deutschen Fußball-Bundes auf. Im Männerbereich wäre er noch für beide Länder spielberechtigt, aufgrund der Herkunft seiner Mutter sogar auch für Argentinien. Noch hat er sich nicht entschieden, aber: „Nach so einem Abend hoffen wir – und Mancini auch –, dass sich das Blatt zu unseren Gunsten wendet“, schrieb die Gazzetta dello Sport, die sonst nicht gerade dafür bekannt ist, stellvertretend für die Nation nach Gunst zu betteln.

„Ein großartiger Abend, es war wie ein Traum“, sagte Tresoldi später voller Emotionen. Und natürlich war an dieser Stelle nicht auszuschließen, dass dieses 4:3 seine Entscheidung für oder gegen eine Nationalmannschaft noch beeinflussen wird. Zu beeindruckend war die Kulisse im San Siro, das einst der Sehnsuchtsort des jungen Tresoldi war. Sein Vater Emanuele spielte hier dreimal als Rechtsverteidiger für Atalanta Bergamo, den FC Ravenna und die AS Gubbio. Der kleine Nicolò allerdings war stets treuer Milan-Anhänger, was seinen Champions-League-Auftritt am Dienstag eben noch einmal spezieller machte: „Die Milan-Fans hatten mich mit Nachrichten angestachelt“, sagte Tresoldi: „Für mich war es wie ein Derby.“

Tresoldi erzielte seine Tore in der 30. Minute per Elfmeter zum 1:0, in der 63. Minute nach einem Torwartfehler zum 2:1 und in der 74. Minute per Abstauber – er zeigte sein ganzes Portfolio. Dank der heldenhaften Paraden des Ex-Inter-Spielers Yann Sommer im Tor der Belgier und eines vierten Treffers von Romeo Vermant in der 87. Minute reichte der Hattrick zum Sieg, der Tresoldi außerhalb der InterFanbasis einen beachtlichen Ruf in Italien einbrachte: Nun kennt ihn wirklich jeder.

Als jungem Fußballer sagten ihm die Akademien reihenweise ab

Die Medien jedenfalls widmeten sich sogleich ein weiteres Mal seiner italienischen Geschichte. Der Geburtsstadt Cagliari auf Sardinien etwa oder dem Ort Gubbio in Umbrien, wo sich Tresoldi beim örtlichen Tennisverein als sehr talentierter Spieler einen guten Ruf erwarb und in der italienischen U12 landete. Das alles klingt natürlich wesentlich romantischer als die Tatsache, dass die Familie Tresoldi später nach Deutschland umzog, weil die Mutter an den Flughafen Hannover-Langenhagen versetzt wurde. Zur italienischen Geschichte gehört aber nicht nur die Passion, sondern auch die Enttäuschung: Als jungem Fußballer sagten ihm nacheinander die Akademien in Mailand, Bergamo, Florenz, Bologna und Turin ab mit dem Verweis, er könne ja auch Tennis spielen. Das trug dazu bei, dass der DFB zumindest im Jugendbereich einen Vertrauensvorsprung bekam.

Was am Ende mehr Gewicht hat, wird sich im kommenden Sommer zeigen: das Vertrauen zu den Deutschen oder die Emotionen aus dem San Siro. Dann will Tresoldi eine Entscheidung für ein Land treffen, nach der U21-EM: „Diesen Titel will ich mit Deutschland gewinnen, so wie mein Vater einst mit Italien“, sagte Tresoldi am Dienstag. Als wäre er nicht längst Champions-League-Torjäger und würden nicht zwei große A-Nationalmannschaften um ihn werben.

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