„Wenn du dich über das Team stellst, bist du raus“


FOTO: DEFODI/IMAGO
„Jetzt haben wir endlich einen neuen Moment bekommen“: 
Norwegens WM-Sieg 2026 gegen Brasilien, links Martin Ødegaard.

Haaland, Ødegaard und die goldene Generation: Norwegens Fußball ist so gut wie noch nie. Warum? Ein Gespräch mit dem Talenteförderer Håkon Grøttland über Revolutionen und das norwegische Konzept des „dugnad“.

„Wir wollen ja nicht nur Spitzenspieler entwickeln, 
sondern auch gute Menschen.“

„Erling Haaland fiel nicht besonders auf. 
Es gab Stürmer, von denen wir uns mehr erhofften.“

13 Oct 2026 - Süddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe
Interview von Michael Neudecker

Kopenhagen – Die norwegische FußballNationalmannschaft wurde nach der WM im Sommer von mehr als 100 000 Fans in Oslo empfangen, als hätte sie das Turnier gewonnen. Die Euphorie ist berechtigt: Nie war der norwegische Fußball so stark wie heute. Bei der WM ist das Team um Erling Haaland und Martin Ødegaard erst im Viertelfinale knapp England unterlegen. Und in der Champions League spielen erstmals seit 27 Jahren zwei norwegische Mannschaften mit, Bodø/Glimt und der Meister Viking Stavanger, an diesem Dienstag Gegner des FC Bayern. Håkon Grøttland, 45, leitet beim norwegischen Fußballverband NFF die Spieler- und Trainerentwicklung, er hat das heutige System der Nachwuchsförderung entwickelt. Er erinnert sich noch gut daran, wie Fußball in Norwegen war, als die Plätze im Winter gefroren waren.

SZ: Herr Grøttland, was ist passiert in den vergangenen 25 Jahren, warum ist der norwegische Fußball gerade so gut?

Håkon Grøttland: Also zunächst einmal finde ich, dass wir bescheiden bleiben sollten, im Sport spielen ja auch immer Glück und Zufall eine Rolle. Aber wenn Sie mich nach konkreten Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten fragen, würde ich sagen: Wir hatten zwei Revolutionen. Die erste fand statt von 2000 bis 2010, die Revolution der Kunstrasenplätze. Es wurden überall sehr viele Kunstrasenplätze gebaut, der Fußball entwickelte sich in Norwegen vom Sommersport zum Ganzjahressport. Davor trainierten wir im Winter an manchen Orten praktisch auf Eis. Also: gefrorenes Gras?

Als ich aufwuchs, trainierten wir auf einer Art – wie nennt man das – grobsandigen, ja, sandigen Plätzen, und im Winter waren sie dann eben sehr hart, vermischt mit Eis. Das war nicht schön, man hat gelegentlich hässliche Wunden davongetragen. Das ist jetzt anders, zumal viele Plätze auch Heizungen haben.

Und wie wurde das finanziert? Norwegen ist ja gerade wegen seiner Ölfunde in den 1960ern und dem damit später gegründeten Staatsfonds ein sehr reiches Land.

Vereinfacht gesagt: Wir haben in Norwegen ein Glücksspielmonopol. Das heißt, es gibt für den Fußball nur einen Wettanbieter, der staatlich reguliert ist. Die Gewinne werden überwiegend wieder in den Sport investiert. Die Kunstrasenplätze wurden also, wenn Sie so wollen, nicht mit Ölgeld bezahlt, sondern Wettspielgeld.

Und die zweite Revolution?

Das war die Revolution der Spielerentwicklung, von 2010 bis 2020. Damals wurde damit begonnen, viel mehr Ressourcen für die Trainerausbildung einzusetzen und auch für den Bau von Akademien. Heute werden alle Nachwuchsakademien in einem Sternesystem von Norsk Toppfotball bewertet (Dachorganisation der beiden norwegischen Spitzenligen, Anm. d. Red.), aber unser Fußball und wie man ihn fördert, das hat sich in den 2010er-Jahren enorm weiterentwickelt. Gerade in der Trainerausbildung und in der Trainingsmethodik hat sich da vieles verändert. Wir machen seitdem so gut wie kein isoliertes Techniktraining mehr, also dieses SichZupassen zum Beispiel, sondern simulieren ständig Spielsituationen, damit die Spieler lernen, im laufenden Spiel Entscheidungen zu treffen. Es geht in jedem Training im Grunde von der ersten Minute an genau darum, und es gibt in jeder Übung mindestens einen Gegner und einen Mitspieler.

Das machen andere Länder aber auch schon länger so.

Was bei uns einzigartig ist, vielleicht weltweit: Wir sind sehr offen zueinander, wir tauschen unser Wissen im ganzen Land ständig aus, also die Vereine untereinander und auch Verband und Vereine. Und wir achten darauf, dass alle nach den gleichen Grundprinzipien vorgehen. Wir sind ja auch eine sehr kleine Nation, ich meine, wenn wir die Finanzkraft aller norwegischen Profiklubs zusammenlegen, liegen wir wahrscheinlich immer noch hinter einzelnen Topklubs wie Juventus Turin oder auch dem FC Bayern. Wir können nur einigermaßen konkurrieren, wenn wir uns als Gruppe begreifen und Dinge gemeinsam weiterentwickeln. Auf dieser Basis haben wir auch unsere Talentstrukturen aufgebaut: Der Kern ist die Zusammenarbeit zwischen Basisvereinen, Spitzenvereinen und dem Verband.

Dieser Pragmatismus und die Gemeinschaftlichkeit, das ist typisch für die skandinavischen Gesellschaften, oder?

Ja, das ist ein Teil unserer Kultur. Historisch gesehen und auch wegen der klimatischen Bedingungen, die wir haben, mussten wir immer schon zusammenhalten, um zu überleben. Es gibt ein norwegisches Wort, „dugnad“, das ist vielleicht das norwegischste Wort überhaupt, wenn man das so sagen kann.

Das bedeutet?

Sich helfen, gemeinsam die Straße kehren, solche Sachen, eben eine freiwillige Nachbarschaftshilfe. „Dugnad“ist ein wichtiger Teil unseres Lebens, und dieser Gedanke überträgt sich auch auf den Sport. Ich war sehr stolz, als ich die Jungs im Sommer bei der Weltmeisterschaft gesehen habe. Das eine war der Fußball, sie waren ja wirklich sehr gut, aber auch die Gruppe war großartig. Es gab keine Egos, sondern nur tolle Jungs, die als Teamspieler auftraten. Kein Wunder, dass sich die Norweger in unsere Nationalspieler verliebt haben.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeitsentwicklung in Norwegen im Kinderund Jugendfußball?

Niemand ist größer als das Team. Das ist unser Grundsatz. Und wenn du dich über das Team stellst, bist du raus. Wenn wir anfangen, Spieler für unser Talentmodell auszuwählen, achten wir als Erstes darauf, ob sie Verantwortung für die eigene Entwicklung und für die Entwicklung des Teams übernehmen wollen. Wir suchen nach Spielern, die in sich selbst und in das Team investieren. Wir wollen ja nicht nur Spitzenspieler entwickeln, sondern auch gute Menschen, und dafür müssen wir andersherum denken: Wir müssen mit dem Punkt „gute Menschen“anfangen. Aus einigen von ihnen können dann Spitzenspieler werden.

Haben Sie da ein Beispiel? Die Balance zu finden zwischen Selbstbewusstsein und Bescheidenheit ist ja sicher nicht einfach, gerade bei Heranwachsenden.

Wir haben jedes Jahr Fälle von Spielern, die ausgeschlossen und dann wieder aufgenommen werden, wenn sie sich ändern und daraus lernen. Erst vor ein paar Monaten hatten wir ein Talentcamp, und der beste Spieler der U15-Mannschaft wurde für das nächste Treffen nicht weiter ausgewählt, weil er sich arrogant verhalten hat, gegenüber den Mitarbeitern und den Mitspielern, er passte bei den Besprechungen nicht auf – solche Dinge. Aber er hat daraus gelernt. Jetzt ist er wieder im Team und hat gerade mit 15 Jahren sein Debüt in der höchsten Spielklasse gegeben.

Stimmt es, dass es in Norwegen im Nachwuchsfußball keine Pokale gibt?

Es gibt zwar Gewinner, aber es gibt keine Trophäen, keine Tabelle, kein Finale und solche Dinge. Es gibt einfach nur Fußballspiele. Im Vordergrund steht für uns, Spieler auszubilden, die den Sport lieben, und ja, ich weiß, dass das romantisch klingt, aber es ist doch so: Nur Kinder, die gerne und viel Fußball spielen, können ihr Talent entfalten. Deshalb dürfen bei uns auch Kinder bis zum Alter von elf Jahren nicht von größeren Klubs abgeworben werden, sie spielen in ihren lokalen Klubs, sie dürfen auch keine längeren Auswärtsfahrten haben. Ab zwölf beginnt zusätzlich zum Heimatverein die Förderung an der Nationalmannschaftsschule, also unserer nationalen Akademie. Die ist auch eine Art Sichtungsplattform für die Topvereine, denn ab 13 oder 14 können sie auch in die Akademien der Topvereine wechseln. Ab

16 Jahren beginnt das sogenannte „Top Player Development“, also die konkrete Spitzensportförderung. Wir haben, seit wir dieses Mehrstufenmodell haben, nur eine einzige Ausnahme gemacht. Martin Ødegaard. Ohne ihn wäre der norwegische Fußball heute nicht da, wo er ist. Das müssen Sie erklären.

Meine erste Stelle hatte ich in einem der Bezirke, und meine Aufgabe war es, Talente in diesem Bezirk zu sichten. Ich hatte das Privileg, Martin Ødegaard zu sehen, als er zehn Jahre alt war. Er hat mich sehr inspiriert. Ich habe ihm nichts beigebracht, aber er hat mir sehr viel beigebracht. Ein paar Jahre später bekam ich beim Verband die Stelle als Leiter des Talententwicklungsmodells. In unserem System ist viel Ødegaard enthalten – wie er war, seine Motivation und seine Art zu trainieren, aber auch seine Spielweise. Er spielte damals schon so Fußball, wie er heute spielt. Ein sehr intelligenter Spieler.

Und zwar für wen?

Wer kam zuerst – Martin Ødegaard oder das System?

Martin Ødegaard, eindeutig. Er hat das System zwar auch selbst durchlaufen, aber er hat seine Entwicklung beeinflusst, wir haben es sozusagen parallel zu ihm aufgebaut. Wir haben ihn zu Auswahlspielen mitgenommen, als er gerade noch zehn oder schon knapp elf war, so in der Zeit, also gut zwei Jahre zu früh. Aber wir haben das niemandem gesagt, er ist auf keiner Liste aufgetaucht. Er war so außergewöhnlich, dass wir etwas unternehmen mussten. Wir mussten unsere eigenen Regeln brechen.

Weiß er denn, welche Bedeutung er für die Nachwuchsförderung in Norwegen hat?

Das weiß ich nicht, ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich glaube nicht, dass ihm das klar ist. Er war ja dann früh schon auf seiner eigenen Reise unterwegs.

Er ist inzwischen 28 und Kapitän des englischen Meisters FC Arsenal, aber er hatte schon mit 15 Jahren Probetrainings bei mehreren europäischen Spitzenvereinen, unter anderem auch beim FC Bayern. Mit 16 ist er dann zu Real Madrid gewechselt.

Das hat uns viel Selbstvertrauen gegeben. Wir haben begonnen zu glauben, dass wir es schaffen können, dass wir sehr gute Spieler entwickeln können.

Und wie war es bei Erling Haaland?

Er ist ein Produkt des Systems. Ich erinnere mich, dass wir damals einen Lehrgang der dreißig besten Spieler Norwegens im Jahrgang der 14-Jährigen hatten, da war er dabei. Aber niemand sprach über ihn, er fiel in der Gruppe nicht besonders auf. Es gab andere Stürmer, von denen wir uns mehr erhofften. Ich weiß noch, dass ich den Trainern den Mannschaftsbogen gab und sie bat, die Spieler zu markieren, an die sie am meisten glaubten. Niemand markierte ihn. Das lag wahrscheinlich daran, dass er ziemlich klein war.

Reden wir über denselben Erling Haaland, den, der heute 1,95 Meter groß ist?

Ja! Wir haben damals bei ihm vor allem auf Spielintelligenz geachtet, und dass er einen schnelleren Abschluss entwickelt, eben weil er nicht sonderlich groß war. Plötzlich begann er zu wachsen. Und jetzt ist er dieses, wie soll ich sagen, intelligente Biest.

Und Teil einer goldenen Generation Norwegens.

Natürlich ist es auch Glück, dass Spieler wie er oder auch Ødegaard zu den Besten der Welt gehören. Aber fast alle im Kader der Nationalmannschaft kommen aus unserem Nachwuchssystem. Und: Wir haben auch eine sehr gute U21-Mannschaft, die sich gerade für die EM 2027 qualifiziert hat. Die U20 ist im vergangenen Jahr bei der WM ins Viertelfinale gekommen. Und was die U19 angeht: Nur acht Teams qualifizieren sich für die EM, unsere U19 war bei fünf der letzten sechs Turniere dabei. Das hat sonst nur Italien geschafft. Aber wir müssen gerade jetzt dranbleiben, denn wenn man zu glücklich und zu stolz ist und sich dann zu sehr entspannt, dann ist das nicht gut.

Die Nationalmannschaft hat in der Nations League gerade drei von vier Spielen verloren, gegen Wales und Portugal sah die Defensive nicht besonders glücklich aus. Hat die goldene Generation etwa ein Verteidigerproblem?

Erinnern Sie sich noch an das Wort „dugnad“von vorhin?

Wir haben viele herausragende Offensivspieler, aber haben in der Entwicklung vielleicht die Defensive etwas vernachlässigt. Wir haben deshalb einen nationalen Defensiv-dugnad ausgerufen. Unsere Trainer sollen dem defensiven Bereich etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Ich selbst und viele unserer Nationaltrainer reisen deshalb durch das ganze Land und versuchen, den Trainern die Defensivarbeit näherzubringen. Jeder Trainer in Norwegen muss diesem Bereich etwas mehr Aufmerksamkeit widmen. Die Verteidigung war ja früher einmal unsere Stärke: In den 1990er-Jahren waren wir defensiv stark. Allerdings haben wir schlechten Fußball gespielt.

Klar. Bei der WM 1998 erreichte Norwegen das Achtelfinale, das 2:1 in der Vorrunde gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien war lange der größte Erfolg Norwegens.

Egil Olsen war damals unser Trainer, eine Legende. Mehr als zwanzig Jahre haben wir über diesen Moment geredet. Und jetzt haben wir endlich einen neuen bekommen: Bei der WM im Sommer haben wir wieder gegen Brasilien gewonnen, wieder 2:1, im Achtelfinale. Wir hätten in Zukunft gerne mehr solche Momente.

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